Stauffacherstrasse 60, 8004 Zürich, Tel: 044 241 42 32, Mo: 12-19 Uhr, Di-Do: 10-19 Uhr, Fr: 9-19 Uhr, Sa: 10-17 Uhr

Schauspielhaus Zürich 2009-2019
Erinnerungsband zur Intendanz von Barbara Frey

Ein Rückblick und kein Abschied..

Keine Intendanz wie jede andere. Dieses Buch führt mit Bildern und Texten durch zehn Jahre Theater am Schauspielhaus Zürich unter der Intendanz Barbara Freys und lässt prägende Theaterschaffende und Weggefährten dieser Zeit zu Wort kommen: Lukas Bärfuss schreibt über die Veränderung Zürichs und das Spannungsverhältnis des Theaters dazu, während Beatrice und Peter von Matt mit Barbara Frey über Klassiker und die absurde Forderung nach einer „Stunde Null“ in der Literatur sprechen.

Die BühnenbildnerInnen Bettina Meyer, Raimund Bauer  und Barbara Ehnes unterhalten sich über Zürcher Theaterräume. Thomas Jonigk erinnert sich an seine Erfahrungen als Dramatiker in der Zürcher  Dramaturgie und Ensemblemitglied Markus Scheumann schreibt über spielerische Metamorphosen zwischen Sebastian Baumgarten, Sebastian Nübling, Stefan Pucher und Herbert Fritsch.


Inhaltsverzeichnis:

Abschied?
Der Dramatiker, Romancier und Essayist Lukas Bärfuss verweigert sich dem Abschiednehmen
von Lukas Bärfuss                                              im Wortlaut nebenan!
Seite 5
Man kann alles erzählen
Barbara Frey, Beatrice von Matt und Peter von Matt im Gespräch mit Andreas Karlaganis
von Barbara Frey, Andreas Karlaganis, Beatrice von Matt und Peter von Matt
Seite 41
Spiel’s doch einfach!
Der Schauspieler Markus Scheumann über Sinn und Zweck des Spielens und den Ensemblegeist am Schauspielhaus
von Markus Scheumann
Seite 81
Drama und Zyklus
Drei Antiken-Projekte von Karin Henkel und ihre Räume
von Andreas Klaeui
Seite 117
Seien Sie doch etwas weniger DEUTSCH!
Vier Spielzeiten Schauspielhaus Zürich. Vier Jahre Zürich
von Thomas Jonigk
Seite 153
Von künftigen Räumen
Raimund Bauer, Barbara Ehnes und Bettina Meyer im Gespräch mit Karolin Trachte
von Barbara Ehnes, Bettina Meyer, Karolin Trachte und Raimund Bauer
Seite 189
Deine Subjektivität ist doch wesentlich interessanter als meine Ensemblemitglieder
über die langjährigen Arbeitsbeziehungen mit ihren RegisseurInnen
von Klaus Brömmelmeier, Marie Rosa Tietjen, Hilke Altefrohne, Gottfried Breitfuss, Isabelle Menke, Lisa-Katrina Mayer und Claudius Körber
Seite 229
Eine Beziehung, die sich neu erfunden hat
Petra Fischer und Beat Krebs im Gespräch mit Andreas Karlaganis
von Petra Fischer, Andreas Karlaganis und Beat Krebs
Seite 265

Lasst uns reden!
Zehn Jahre Debatte auf der Theaterbühne mit Lukas Bärfuss, Miriam Meckel und Stefan Zweifel
von Lukas Bärfuss, Miriam Meckel und Stefan Zweifel

Seite 301

Das Frey’sche Pneuma
von Bice Curiger

Seite 341

Zweihundertachtundzwanzig letzte Sätze

Seite 369

Fotoalbum

Seite 373

Plakate 2009–2019

Seite 398

Chronik 2009–2019

Seite 412

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter 2009–2019

Seite 435

Danke!

Seite 441

Goldene Maske PreisträgerInnen 2009–2018

Seite 443

Impressum

Seite 444

 

 

Es war uns eine grosse Ehre, auch in der vergangenen Dekade die Partnerbuchhandlung des Schauspielhauses Zürich gewesen zu sein und auch wir wünschen keinen Abschied.

Beachten Sie bitte auch unsere Theaterabteilung in der Buchhandlung.

BUCHHANDLUNG IM VOLKSHAUS

SHZ (Hrg.): Schauspielhaus Zürich 2009-2019
444 Seiten, Paperback
Mit zahlr.farbigen Abbildungen
Verlag Theater dre Zeit
978-3-95749-191-6
CHF  38.90

Das Vorwort von Lukas Bärfuss:

Abschied?

Lasst uns bitte damit aufhören. Lasst uns aufhören, Abschied zu nehmen. Ich bin es überdrüssig. Wie oft noch müssen wir eine Tür ins Schloss fallen, ein Motorgeräusch sich in der Einfahrt entfernen hören? Der letzte, fürchterliche Kuss, eine Umarmung, die sich löst, und dieser eine, verdammte Schritt zurück, damit man sich schliesslich abwenden kann – wer hat uns dazu verdammt?

Und was ist mit uns los, dass wir in dieser Kunst gelandet sind, in dieser Einübung in die Sterblichkeit? Was müssen wir noch lernen? Was haben wir nicht begriffen? Welche Lektion will nicht in den Schädel? Oder ist das Herz das fehlerhaf te Organ? Im Auftritt ist der Abgang schon enthalten, wir haben es gelernt, erfahren, vergessen und erneut gelernt und vergessen. Und doch machen wir wieder Licht, rücken das Elend zurecht, als wär’s das erste Mal. Warum schaffen wir uns immer neue Gelegenheiten, wenn wir doch wissen, dass auch dieser Moment, wie alle andern, sterben wird? Wo haben wir uns diese Sucht eingefangen und was gibt uns den Antrieb, ein ums andere Mal zu beginnen und zu wissen, es wird enden? Es endet schon, bevor es anfängt.

Mit aller Akkuratesse gestalten wir diesen Schmerz. Wir haben zweieinhalbtausend Jahre Erfahrung gesammelt, um ihn zu verlängern, zu dehnen – noch eine Rede, noch ein Monolog, noch eine Hoffnung, noch ein Versuch, alles vergeblich. Unsere Dramaturgien, ein Streckbett, um unseren Schmerz in die Länge zu ziehen. Bravo!

Heute habe ich geweint und dazu die Karotten klein geschnitten.

Die Rituale? Wir beherrschen sie ganz ausgezeichnet. Wir lassen uns von ihnen täuschen, auch das haben wir begriffen.

Einer verabschiedet sich mit Pomp, mit Trommeln zieht er aus, die Trompeten spielen eine letzte Fanfare, die Fahnen werden gehisst, Geschenke überreicht, die Wange noch einmal in den Händen, melde dich, melde dich und schreibe oft! Blumen auf dem Pflaster, Taschent ücher werden geknetet, die Weiber klagen, die Männer falten die Hände und krausen die Stirn. Danach ein Moment der Stille, jeder steht alleine und betroffen, man will gerade auseinandergehen, es gibt ja nichts mehr zu sagen – da öffnet sich eine Luke, eine Tür, die man bisher nicht beachtet hat, ein feixendes Gesicht erscheint und der Verlorene ist wieder da. Er hat es sich anders überlegt. Etwas vergessen. Ein Irrtum oder ein Jux, es läuft auf dasselbe hinaus: Er ist wieder hier. Als wäre er nie weggewesen. Entrüstung bei manchen, man wurde zum Besten gehalten, andere entschuldigen das Benehmen und sind froh, man nimmt den verloren Geglaubten wieder in die Mitte, knufft ihm die Seite, beäugt ihn misstrauisch, bis man das ganze Theater vergessen hat.

Und ein andermal will sie kurz an die frische Luft, die Post holen oder ihre Mutter besuchen, zum Abendessen sei sie wieder da. Sie reist leicht, packt nichts ein, kein Proviant, keine Wäsche, kein Buch, die Abwesenheit wird kurz und die Rückkehr schnell, zwei Küsse oder gar nichts, kein Händedruck, man wird sich wiedersehen, bevor der Tag zu Ende ist, da erübrigen sich die Formalitäten. Doch als der Abend kommt, bleibt der Flur still, die Glocke schlägt nicht an, der Hund bleibt ruhig. Die erste, unruhige Nacht, ohne Schlaf, die Kissen zerknüllt, noch eine Zigarette auf dem Balkon, aber keine Nachricht, das Telefon bleibt stumm am nächsten Morgen, der Mittag ohne Mahlzeit, der Magen zugeschnürt, die Kehle trocken, es wird für immer still bleiben, keine Umarmung mehr, die Fragen bleiben unbeantwortet. Du füllst die Formulare aus. Die Schuhe sind noch da, der Schal auch, die alte Brille setzt Staub an, es ist der Staub des Todes, der sich über alles legt, nur nicht über die Erinnerung, die sich nach Streifzügen in die sonnigen Tage immer wieder festfrisst am Moment, als sie den Mantel vom Haken nahm und aus der Tür ging. Und hätte es einen letzten Blick gegeben, fragst du dich, wäre darin ein Vorzeichen, eine Ahnung zu erkennen gewesen der kommenden Stunden, Tage, Wochen? Jahre, die ausgefüllt sein werden von einem Abschied, der kein Ende nimmt, weil wir meinen, es hätte eine Gelegenheit geben müssen, ein letztes Wort.

Wir fordern das Recht auf Ankündigung. Es wird nicht gestattet. Wir wollen uns vorbereiten. Als könnte man jemals bereit sein dafür. Wir tragen die Ephemeriden ein in die Kolonnen unseres Lebens. Am Weg, den wir gegangen sind, können wir nicht ablesen, durch welches Gelände die Strecke vor uns führt.

Kümmern wir uns nicht mehr um die Vergangenheit. Sie hat es nicht verdient. Lassen wir doch das Gerede: Sehen, als wäre es das erste Mal. Es ist das erste Mal! Wozu sich um die alten Griechen scheren: Sie haben sich geirrt. Jedenfalls sind sie tot und keine Hilfe. Sich nicht an den vergangenen Erfolgen messen und die Irrtümer unter den Teppich kehren. Narben nicht mit Verletzungen in Verbindung bringen. Die Wolke am Himmel von heute nicht mit den Wolken von gestern vergleichen. Das Brot, das trockene, kauen und nicht daran denken, wie frisch es gestern war. Die Milch des Tages nicht kochen und für die kommenden Jahre retten. Nicht das Bitterste, das Lab der unschuldigen Kälber, ins Frische, ins Süsse rühren, damit es haltbar werde für die hungrigen Stunden. Wir wollen heute essen, heute trinken, satt sein, in diesem Augenblick. Nichts zur Seite legen, keinen Teil vom Ganzen trennen. Nicht wie Eichhörnchen leben, die ihre Nüsse vergraben, um durch den Winter zu kommen, und dann doch die Hälf te vergessen und der Erde überlassen. Auf den Baum pfeifen, der aus der vergessenen Nuss wächst. Der Keimling wird zu Recht gefressen vom unbedarf ten Reh. Ein Siebenschläfer werden und alles wegputzen auf der Stelle, fett werden. Jedes Fass saufen, jeden Mund küssen, nicht nur jeden zehnten. Beginnen, nicht aufhören. Finden, nicht suchen.

Sich vor der Zukunft fürchten – wie töricht! Vor der Vergangenheit sollten wir uns hüten, sie verdirbt uns alles.

Wir wollen uns an die Hunde halten, sie geben das Beispiel. Sie winseln und wedeln nur bei der Begrüssung. Der Abschied kümmert sie nicht, sie haben kein Zeichen dafür.

Wie dumm, wer die Absätze in den Boden stemmt und die Ohren in den Wind hängt, um dieser Kante zu entgehen, da wir uns nur dem Fallen übergeben können. Oder dem Gleitflug, falls wir dem Element zutrauen, unser Gewicht zu tragen.

Die Irrtümer in den Schaukasten hängen und dem Gelächter feilbieten. Die Deutungen von gestern haben sich überlebt wie alte Landkarten. Sie sind nutzlos. Sie beschreiben nichts mehr. Es stehen jetzt andere Häuser da und der Fluss folgt einem anderen Lauf.

So hell wie heute war die Luf t noch nie. Sinnlos die Frage, wie viele Tage ohne Schmerzen man erlebte. Es gab keinen. Beleidigt, gekränkt wird immer. Warum verzeihen? Es bringt nichts, eine Spiegelachse an der Gegenwart anzulegen und das Vergangene in das noch nicht Geschehene zu transponieren.

Das Kostbarste an unserer Mühe ist ihre Verderblichkeit.

Lass uns Abschied nehmen vom Abschied.

Sagt nicht Adieu. Ruft ein Willkommen!

 

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